Festival-Ausgabe (2003)
Zwischen Blonde und Konstanze
Als Königin der Nacht ist sie immer wieder unterwegs - zu Auftritten an den Opernhäusern von München, Berlin (Deutsche Oper und Staatsoper Unter den Linden), Hamburg, Dresden, Frankfurt, Wien und im vorigen Jahr auch bei den Salzburger Festspielen. Zuletzt hat sie diese Partie, die inzwischen fast zu ihrem Markenzeichen geworden ist, in einer Neuproduktion von David McVicar an Londons Covent Garden gesungen und damit ein fulminantes Debüt am Royal Opera House gegeben. Sie war hier besonders königlich in der Erscheinung in einer prachtvollen blau-schwarz-silber-nen Robe und von furchteinflößender Attacke. Zur herrscherlichen Attitüde paßte der dramatisch-furiose Gesang mit vehementem Ausdruck und gestochen scharfen Koloraturen. Ganz anders hat sie die Figur vor einem Jahr bei den Salzburger Festspielen in Achim Freyers bunter Zirkus-lnszenierung geben müssen, wo diese vom Regisseur als hexenhafte Marionette angelegt war und es der Interpretin dennoch gelang, daraus eine faszinierende Persönlichkeit von dämonischer Aura erstehen zu lassen. Sie selbst sieht die Partie, die sie schon während ihres ersten Engagements am Stadttheater Würzburg sang, als eine "sportliche Leistung, die eine präzise Motivierung vor den beiden Arien bis auf den Punkt genau erfordert, um eine künstlerische Höchstleistung vollbringen zu können. In der ersten Arie kann man darstellerisch mehr Facetten zeigen und im großen Rezitativ Farben spielen lassen, um die Persönlichkeit der Königin, die fernab ist von echten Muttergefühlen, auszubreiten. Das Spiel, das sie mit Tamino treibt, und die Manipulation des jungen Prinzen muß man durchscheinen lassen. Die zweite Arie dagegen ist ein Zustand. Hier sind andere Kräfte am Werk; hier beschwört sie die Götter herauf und spürt ein nochmaliges Aufwallen ihrer früheren Macht."
Diana Damrau, die wir unseren Lesern in der Festival-Ausgabe vor zwei Jahren bereits in einem Streiflicht vorstellten, ist inzwischen längst kein Geheimtip mehr in der internationalen Sängerriege der ersten Kategorie. Ihre Entwicklung verlief nach dem Studium an der Musikhochschule Würzburg kontinuierlich und organisch über die Stationen Würzburg, Nationaltheater Mannheim und Oper Frankfurt. Die rumänische Opernsängerin Carmen Hanganu begleitete ihre ersten musikalischen Schritte und vermittelte ihr "eine wunderbare Basis in Technik und Stilfragen", während die Zusammenarbeit mit Hanna Ludwig in Salzburg bis heute andauert. "Beide Lehrerinnen sind ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, und ich habe von ihnen sängerisch und künstlerisch sehr wichtige Impulse empfangen. Sie haben das Feuer in mir entfacht und mir die Augen geöffnet für das Wesentliche am Sängerberuf. In der Arbeit mit Hanna Ludwig, die stets in lebendigen Diskussionen stattfindet, lernte ich eine Symbiose zu finden zwischen musikalischer Interpretation und schauspielerischer Ausdruckskraft. Mir ist es wichtig, die Rollen bis in die kleinste Dimension auszuleuchten, zu wissen, was man in einem ganz bestimmten Moment tut und warum. Denn man muß begreifen, daß es nicht nur um Gesang allein geht, sondern einzutauchen in eine Figur und sie lebendig werden zu lassen mit ihren Schattierungen der Seele."
Inzwischen hat sich die Sängerin durch die vielen Gastspiel-Angebote aus dem In- und Ausland zu einer freischaffenden Tätigkeit entschlossen. Der Oper Frankfurt ist sie gleichwohl weiterhin verbunden, hat sie doch an diesem Haus die Möglichkeit, neue Partien zu erproben, die für sie eine wichtige Repertoire-Erweiterung bedeuten. Im November 2002 gab sie dort in zwei konzertanten Aufführungen von Meyerbeers "Les Huguenots" ihr Rollendebüt als Marguerite de Valois - ein Auftritt mit großer Allüre und gesanglicher Brillanz. Seit ihrer Olympia in Würzburg hat Diana Damrau zum französischen Fach eine ganz besondere Beziehung. "Als frankophiler Mensch fühlte ich mich schon sehr früh zu den Partien der französischen Opernliteratur hingezogen, wo viele Rollen meinem Stimmtyp entsprechen; und auch die mélodies sind ein Grundpfeiler in meinem Liedrepertoire." In ihre Konzertprogramme nimmt sie sehr gern die Wahnsinnsszene der Ophelie aus Thomas' "Hamlet" auf - eine Paradenummer für Koloratursoprane; doch schon in Mannheim sang sie die Leila in Bizets "Pecheurs de perles", die bereits eine erste Hinwendung zum größeren lyrischen Repertoire mit sogar dramatischen Anklängen bedeutete. Die Eleganz, das Sentiment und Parfüm dieser Musik entsprechen dem Wesen der Sängerin sehr, und auch ihre Affinität zur französischen Sprache ist ein Grund dafür, sich künftig mehr mit Rollen wie Lakme, Ophelie und - als Fernziel - Manon auseinanderzusetzen.
Mozart bleibt gleichwohl ein Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit. Soeben hat sie in der Neuproduktion der "Entführung aus dem Serail" bei den Salzburger Festspielen ihr Rollendebüt als Blonde gegeben und in dieser streitbaren Inszenierung des Norwegers Stefan Herheim durch ihre außergewöhnliche Bühnenpräsenz und körperliche Agilität für Aufsehen gesorgt. "Ich liebe es, Charakteren auf den Grund zu gehen, sie nach allen Richtungen auszufeilen - ich will keine Klischeebilder abgeben. Die Probenarbeit war intensiv und spannend, aber die extreme Sicht auf das Stück machte die negativen Reaktionen des Publikums verständlich. Daß sich diese bis in die Folgevorstellungen fortsetzten, hat uns die Arbeit allerdings sehr erschwert. Natürlich muß es Neudeutungen der bekannten Werke geben, und man kann sich der Avantgarde nicht verschließen, denn auch auf der Opernbühne muß sich etwas bewegen. Es gibt wirklich phantastische moderne Inszenierungen, die das Stück nicht beschädigen, sondern es neu beleuchten und aus anderer Perspektive darstellen. Aber daneben sollten auch traditionelle Inszenierungen Bestand haben; man muß nicht alle Bilder modern übermalen - in einem breit gefächerten Angebot liegt der Reiz." In diesem Zusammenhang äußert sich die Sängerin auch dezidiert über die Arbeit mit den künstlerischen Partnern. "Ziel ist das Stück. Die Arbeit dafür muß freundschaftlich, seriös und professionell sein. Wichtig ist der gemeinsame Dialog, der getragen sein sollte von hohem Idealismus, um die Inszenierung zum besten Ergebnis bringen zu können. Und eine Regel bleibt: An erster Stelle steht immer die Musik."
Die Partie der Blonde in Salzburg war freilich nur das Vorspiel zu einer gesanglich noch anspruchsvolleren Auf¬gabe, die im Oktober an der Oper Frankfurt auf sie wartet - die Konstanze. "Für mich ist Blonde wie die Sonne und Konstanze wie der Mond, was sich auch gesanglich ausdrückt. Blonde äußert sich mehr im Parlando, und ihre Arien sind schlichter geschrieben, ohne daß sie leicht zu singen wären. Sie hat sogar einen größeren Tonumfang zu bewältigen, drei hohe E's und auch in der Tiefe exponierte Töne zu singen. Bei Konstanze gilt es nicht nur, die langen Gesangsphrasen zu meistern, sondern vor allem in die Gefühlswelt der Figur einzutauchen, die Zerrissenheit und Versuchung, in die sie durch die Begegnung mit dem Bassa gerät, zu verdeutlichen." Für die "Entführung" stand dem Komponisten das Modell seiner früheren "Zaide" Pate, die Diana Damrau zur Salzburger Mozartwoche 2005 unter Nikolaus Harnoncourt singen wird. Unbedingt möchte sie weitere Mozart-Partien in ihr Repertoire aufnehmen, vor allem die Giunia und Aspasia, die Madame Herz und später die Donna Anna. Wegen des Charakters würde sie gern auch die Susanna verkörpern, die ihrem Bühnentemperament und ihrer Spielfreude besonders entsprechen dürfte. Ein weiterer Pfeiler ihrer Arbeit betrifft das Schaffen von Richard Strauss, dessen Zerbinetta sie schon in einem frühen Stadium ihrer Karriere am Nationaltheater Mannheim sang und die nach Auftritten in München, Wien und Dresden nun eine weitere Glanzpartie ihres Repertoires darstellt. Bei den Salzburger Festspielen 2002 war sie in der "Ariadne"-Neuproduk-tion als Najade besetzt, hielt sich aber auch als Cover für Nathalie Dessay bereit, um im Notfall deren Zerbinetta zu übernehmen. In drei sehr kontroversen "Rosenkavalier"-lnszenierungen (Ruth Berghaus in Frankfurt, Peter Konwitschny in Hamburg und Uwe Eric Laufenberg in Dresden) hatte sie Gelegenheit, die Sophie in vielfältiger Regie-Deutung zu verkörpern. Zwei Partien in der "Arabella" warten nun auf sie - zunächst die Zdenka an der Bayerischen Staatsoper München und danach die Fiakermilli in einer Neuproduktion an der Covent Garden Opera London -, die das Spektrum ihrer derzeitigen stimmlichen Möglichkeiten zeigen: die exponierte, virtuose Koloratur und eine Ausdehnung in das Fach des hohen lyrischen Soprans. Dem entspricht auch die Aithra in der "Ägyptischen Helena", die sie 2007 an der Metropolitan Opera New York singen wird, wo sie bereits zwei Jahre vorher als Zerbinetta debütiert. Die Aminta in der "Schweigsamen Frau" ist wie Mozarts Susanna gleichfalls eine Wunschrolle. "Zunächst scheint diese Figur das Modell von Donizettis Norina aufzunehmen, aber zunehmend gibt es Momente, wo sie echte Menschlichkeit offenbart, wie ich es auch bei der Kleinen Frau im 'Riesen vom Steinfeld' trotz der extremen Lage und des dadurch schwierigen Gesanges empfunden habe."
Die Interpretation dieser von Friedrich Cerha für Diana Damrau komponierten Partie gehört zu den bisher größten Erfolgen ihrer Laufbahn. Die Uraufführung an der Wiener Staatsoper 2002 fand bei Publikum und Presse eine starke Resonanz und stellte für die Sopranistin "eine große Herausforderung in gesanglicher und künstlerischer Hinsicht" dar. Bereits mit Matthias Pintschers "Herodiade-Fragmenten" ("Ein starkes, beeindruckendes Stück!") hatte sie Bekanntschaft mit einer zeitgenössischen Komposition gemacht und die Erfahrungen damit auch beim "Riesen vom Steinfeld" nutzen können. Für die Royal Opera London schreibt Lorin Maazel ein neues Werk nach Orwells "1984", in dessen Weltpremiere im Mai 2005 sie mitwirken wird. "Zeitgenösische Musik stellt enorme Anforderungen nicht nur an den Sänger, sondern vor allem an den Musiker, weil man mit der Stimme ganz andere Dinge, Dinge experimenteller Art, machen muß als im üblichen Repertoire. Die Arbeit an Cerhas Oper war eine große künstlerische Befriedigung für mich, und gern würde ich auch Lieder von ihm singen."
Die Beschäftigung mit diesem Genre ist ihr neben der Arbeit auf der Bühne besonders wichtig. "Das Lied empfinde ich als Oper en miniature; es gehört für mich unbedingt dazu, dient es doch auch, den reichen Fundus an Lyrik am Leben zu erhalten. Oft sind die Texte von hohem literarischem Anspruch; es sind Zeugnisse der Historie, die man auch heute noch authentisch wiedergeben kann. Es ist spannend, auf dem Podium - ganz ohne Inszenierung, ohne Theater - mit dem Publikum kommunizieren zu können, eine Geschichte zu erzählen, ein menschliches Schicksal auszubreiten. Ich liebe thematische Programme, weil ich da mein eigener Regisseur sein kann, möchte auch eintauchen in die Kammermusik, wo es wunderbare Quartette und Ensembles gibt und man die Klavierbegleitung erweitern kann durch weitere Soloinstrumente wie die Klarinette. Seit zwei Jahren trete ich mit dem argentinischen Bariton Ivàn Paley in Europa und Amerika in Duo-Abenden auf; wir haben Brahms' 'Deutsche Volkslieder' und Wolfs 'Italienisches Liederbuch' interpretiert und soeben für Telos die originale Klavierfassung für zwei Stimmen von Mahlers 'Des Knaben Wunderhorn' auf CD aufgenommen."

Die Arbeit im Studio sieht Diana Damrau "mit gemischten Gefühlen. Wunderbar ist es zu probieren, zu feilen, zu korrigieren. Aber das Spontane kann dabei auch verlorengehen. Im Konzert beflügelt die Spannung, die sich im Gegenüber mit dem Publikum aufbaut, enorm. Mir ist es lieber, für die Zuhörer direkt zu singen. Ideal wäre es, wenn ich es schaffen würde, das Aufnahme-Mikrophon gleichfalls zu einem Partner zu machen, der das Publikum ersetzt." Sie selbst ist eine "passionierte Musikhörerin" und besitzt eine riesige CD-Sammlung. "Ich bin in Opernhäusern, Konzertsälen und Musikgeschäften zu Hause. Ich liebe es, Opernaufführungen zu besuchen, gehe auch gern ins Ballett und ins Schauspiel. All das ist bereichernd, wie eben das Hören von CDs. Ich vergleiche grundsätzlich mehrere Interpretationen, um einen passenden Zugang zu einer Partie zu finden, was nicht bedeutet, die eigene Sicht auf die Rolle zu überdecken. Denn das Studium mit den Noten geht natürlich voran, die Arbeit mit dem Pianisten und dem Coach, die Beschäftigung mit Sekundärliteratur zu den Stücken. Gerade wenn die Oper einen literarischen Ursprung hat - so bei der Ophelie oder der Lulu -, ist das Lesen des Textes besonders wichtig. Was die CD angeht, so kann man aus jeder Aufnahme etwas lernen. Ich verehre Sängerinnen wie Renata Scotto, Mirella Freni, Beverly Sills, Anneliese Rothenberger, Edda Moser (für mich die Königin der Nacht) und Edita Gruberova, deren Einspielungen ich immer wieder mit Freude höre."
In dieser Aufzählung fallen bestimmte Namen nicht ohne Grund, ist es doch auch das italienische Repertoire, dem die Liebe der Sängerin gehört. Und immerhin war es Zeffirellis Verfilmung von Verdis "La traviata" mit Teresa Stratas, die den Wunsch auslöste, selbst Opernsängerin zu werden. Inzwischen hat sie Donizettis Adina und Norina sowie Verdis Oscar und Gilda gesungen. Letztere Partie betrachtet sie als Vorstufe für ihren Traum - die Violetta. Vorher möchte sie sich aber erst noch weitere lyrische Koloraturpartien von Donizetti - die Marie in der "Fille du regiment", die Lucia (diese auch in der französischen Version) - und Bellini (Amina) erarbeiten. "Ich liebe die Glut und Melodik der italienischen Musik, die auch Balsam für die Stimme ist. Man kann die Kantilenen fließen lassen und muß nicht über Konsonantenhürden sprin¬gen wie im Deutschen. Die Figuren in der italie¬nischen Oper mit ihren Schicksalen entsprechen auch ganz meinem Credo - die Menschen mit meinem Spiel und vor allem mit meiner Stimme zu berühren."